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Vielseitiges Wochenende mit Richard Perkins zum Thema „Regenerative Landwirtschaft“

Wie kann regenerative Landwirtschaft gestaltet und unterstützt werden? Gleich mehrere Veranstaltungen mit einem ihrer bekanntesten Verfechter boten  Anregungen für Politik und Praxis: Ein Fachaustausch mit Landwirtschaftsminister Romain Schneider, Umweltministerin Carole Dieschbourg und einigen ihrer BeamtInnen am 19. November, eine Konferenz mit 160 Teilnehmenden im neuen Lycée Technique in Gilsdorf, eine Weiterbildung mit fast 60 QuereinsteigerInnen und Aktiven im Bereich von Mikrofarming und regenerativer Landwirtschaft und abschließend eine Tour durch vier Betriebe der solidarischen Landwirtschaft mit Videodokumentation.

Kleinstrukturierte Betriebe und QuereinsteigerInnen in die Landwirtschaft benötigen besondere Unterstützung. Mit diesem Ziel haben die ökologische Landwirtschaftsberatung des Oekozenter Pafendall und der Lëtzebuerger Landjugend&Jongbaueren a.s.b.l. 2019, in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, eine Konferenz- und Weiterbildungsreihe auf die Beine gestellt, die Theorie und Praxis zusammenbringt und Impulse für neue Ansätze und Projekte liefert. Unterstützt vom Mouvement Ecologique und kofinanziert durch das Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau und ländliche Entwicklung, konnte die Reihe nach einer situationsbedingten Unterbrechung 2020 nun endlich mit Richard Perkins fortgesetzt werden.

Perkins als Referenz und Ausbilder

Richard Perkins ist als Landwirt, Referent, Autor und Ausbilder besonders bei QuereinsteigerInnen eine weltweite Referenz. Er leitet erfolgreich die Ridgedale Farm AB in Schweden, einem der produktivsten und rentabelsten diversifizierten Biobetriebe Europas – und dies unter den schwierigen wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen, welche die Lage des nördlichen 59. Breitengrads im ländlichen Schweden mit sich bringt. Mithilfe seines anerkannten Buches „Regenerative Agriculture – A Practical Whole Systems Guide to Making Small Farms Work“ bildet er Menschen aus der ganzen Welt darin aus, ihre eigenen Betriebe aufzubauen und weiterzuentwickeln. Sein Hauptanliegen besteht darin, dem stetigen Verschwinden von immer mehr landwirtschaftlichen Betrieben und der Abkehr der Menschen von landwirtschaftlichen Tätigkeiten – und dem damit verbundenen Verlust an wertvollem Wissen – entgegenzuwirken.  Besonders jungen Menschen zeigt er deshalb, dass und wie es möglich ist, mit der Landwirtschaft einen würdevollen Beruf auszuüben und gut davon zu leben.

 

 

Regeneratives Wirtschaften

Bei den Veranstaltungen erläuterte Perkins anhand des eigenen Betriebs die wesentlichen Prinzipien, Konzepte und Modelle, die er zu einem holistischen Management verbindet, um eine produktive regenerative Landwirtschaft zu betreiben: Permakultur, Keyline-Design, ganzheitliches (Weide-) Management und Agroforst. „Regenerativ“ beschreibt die Nachahmung und Unterstützung von Ökosystemprozessen, die Böden beleben und Humus aufbauen, Kohlenstoff und Wasser speichern und Biodiversität fördern – und dabei mit so wenig fossiler Energie, Technologien und Infrastrukturen auskommen wie nötig, die lokale Ökonomie stärken und LandwirtInnen ein gutes Einkommen sichern.

Das ökologische Grundprinzip ist einfach: Je mehr Kohlenstoff im Boden gebunden wird, desto mehr Wasser kann der Boden aufnehmen und desto stärker wachsen die Pflanzen, was wiederum Kohlenstoff bindet. Landwirtschaft wird so Teil eines Kreislaufs, der Klima-, Boden- und Wasserschutz vereint und sowohl die Produktivität als auch die Resilienz gegenüber Dürren und Starkregenfällen steigert.

„Blue before green before black“ (blau vor grün vor schwarz) – diesen Grundsatz erläuterte Perkins wie folgt: „Wasser (blau) ist der wichtigste begrenzende Faktor für das Leben. Wenn wir das Wasser in unserem Betrieb unter Kontrolle haben, dann können wir Vegetation (grün) aufbauen, die den Kohlenstoff aus der Atmosphäre im Boden bindet. Der Kohlenstoff im Boden ist der Motor des Bodens: Die Energie, die das Leben im Boden antreibt (braun)“.

Ein holistisches Weidemanagement, bei dem Nutztiere kurz und mit relativ hoher Dichte eine Fläche beweiden und düngen (1-3 Tage) bevor sie weitergerückt werden (basierend auf Alan Savory), trägt entscheidend hierzu bei. Dieses System ahmt die riesigen Herdenzüge der großen Savannen und die Co-Evolution von Gräsern und Wiederkäuern nach, welche die Entstehung fruchtbarer Böden einst möglich machten. Durch das Keyline-Design passt Perkins seine Flächen und ihre Nutzung darüber hinaus linienförmig an natürliche Abflussdynamiken an, um Niederschlagswasser optimal nutzen zu können. Eine einmalige Tiefenlockerung sorgt dafür, dass die Wurzeln von Bäumen, Sträuchern und Gras besser in tiefere Bodenschichten vordringen können. Dank dieser Methoden konnte Perkins selbst in extremen Dürrephasen weiter Erträge erwirtschaften und seine Tiere gut versorgen, während Nachbarbetriebe ihre Tierbestände erheblich verkleinern mussten. Im Gegensatz zu Flächen, die auf herkömmliche Weise forst- oder landwirtschaftlich bewirtschaftet werden, habe er darüber hinaus selbst bei starken Regenfällen nicht mit Bodenerosion und -verlusten zu kämpfen, so der Referent.

Rentabilität dank niedriger Kosten und Direktvermarktung

Weiter ging Perkins auf die Grenzen und Chancen ein, die sich für Landwirte in ganz Europa ergeben, die in den ständig wachsenden Markt für lokale Lebensmittel einsteigen. Die ökonomische Lebensfähigkeit von Betrieben ist für Perkins eine Grundvoraussetzung. Nur eine solide finanzielle Lage ermöglicht es Betrieben nämlich, Produktionen und Strukturen aufzubauen und mitzutragen, die weniger rentabel sind oder erst nach vielen Jahren größere Erträge bringen, wie etwa Agroforst. Sein eigener Betrieb ist mit etwa 50 000€ Einnahmen pro Hektar höchst lukrativ und kommt gänzlich ohne staatliche Subventionen aus, die kleinstrukturierte Landwirtschaft auf kleinster Fläche aus seiner Sicht allerdings ohnehin kaum unterstützten. Für junge Menschen sei es dennoch möglich, faire Löhne zu verdienen und hohe Verschuldungen zu vermeiden, indem sie – anders als in der klassischen Landwirtschaft – mit  minimalen Investitionskosten auskommen und Produkte produzieren, die früh Gewinne erwirtschaften. Sein eigener Hof setzt zu diesem Zweck auf die Produktion und Direktvermarktung von Eiern mit selbst gebauten Mobilställen, Hühnchen mit hofeigener Schlachtung und Putenfleisch sowie Gemüse aus biointensiver Produktion.

Die Vermarktung läuft über Facebook-Gruppen, wo Betriebe ihre Waren auflisten, die dann direkt von VerbraucherInnen bestellt und an bestimmten Orten zu angegebenen Zeiten abgeholt werden können („REKO-Ring“). Das Modell gibt es mittlerweile in vielen Ländern (aber nicht Luxemburg).

Inspiration für Luxemburg

Besonders lebhaft diskutierten Teilnehmende an der Konferenz und am Fachgespräch mit den Ministern die recht intensiven Produktionsweisen von Perkins. Aufgrund des Einsatzes von verhältnismäßig hohen Mengen an Kompost im Gemüseanbau befürchteten einige Nitratbelastungen des Grundwassers trotz Entgegnungen von Perkins, der auf die hohe Nährstoffaufnahmekapazität eines lebendigen Bodens und seiner Pflanzen verwies. Außerdem widerspricht die Nährstoffeinfuhr von außen für die Hühnerfütterung dem in der regenerativen Landwirtschaft vorherrschenden Ideal der Futterautarkie und geschlossener Nährstoffkreisläufe. Diesem setzte Perkins die Idee der regionalen Interdependenz entgegen.

Im Vordergrund des Fachaustauschs mit Landwirtschaftsminister Romain Schneider, Umweltministerin Carole Dieschbourg, deren Beamten und den OrganisatorInnen stand jedoch die Frage, welche Elemente der Arbeitsweise von Richard Perkins im luxemburgischen Kontext die Transition der auf Milch- und Fleischwirtschaft spezialisierten Landwirtschaft unterstützen könnten. Eine wesentliche Empfehlung für die Landwirtschaft war eine bessere Nutzung der Grünlandflächen durch holistisches Weidemanagement. Darüber hinaus sahen viele ein großes Potential in der Diversifizierung, der Integration von Bäumen und Sträuchern (Agroforst), der lokalen und regionalen Landwirtschaft, der besonderen Förderung des Einstiegs junger Menschen sowie in einer stärkeren Ausrichtung der landwirtschaftlichen Ausbildung auf die komplexen lebendigen Systeme, mit denen wir es in der Landwirtschaft zu tun haben.

 

 

Weiterbildung für Pioniere – und ein Film

Die regenerative und solidarische Landwirtschaft in Luxemburg und der Großregion steckt in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen. Ziel der Weiterbildung am 20.11. war es daher, etablierte und aufstrebende Betriebe zu unterstützen und kreative Lösungsansätze für verschiedene Probleme zu entwickeln. Vier Themenbereiche wurden im Hinblick auf Stärken und Chancen, Schwierigkeiten und Hürden rege diskutiert und von Perkins vertieft. Die etablierten Betriebe der solidarischen Landwirtschaft in Luxemburg führten in das erste Thema „Keine bis minimale Bodenbearbeitung“ ein. Anschließend stellten sich zwei neue Start-up Projekte, die Solawi Garten Idem in der Nähe von Bitburg und der Marktgarten Le Maraîcheur aus La Croix-du-Perche vor. Beide Projektleiter hatten früher ein Praktikumsjahr in Betrieben der solidarischen Landwirtschaft in Luxemburg absolviert, woraus ihre Projekte unter anderem erwachsen waren. Das Thema Vermarktung wurde vom Projekt Hof Lebensberg aus der Nähe von Mainz behandelt, einem inspirierenden Gemeinschaftsprojekt, das sich sehr stark einer regenerativen Landwirtschaft mit Agrofortsystemen, biointensivem Gemüsebau, pfluglosem Ackerbau und holistischer Weidetierhaltung verschrieben hat. Bereits im ersten Jahr konnte die Pflanzung von 30 000 Bäumen und Sträuchern mithilfe von Crowdfunding realisiert werden. Abschließend führte Jeff Weydert vom Frombuerger Haff das Thema der Diversifizierung und ihre Profitabilität ein. Die Weiterbildung beflügelte die Teilnehmenden sichtlich und bestärkte sie darin, ihre Wege mutig weiterzuverfolgen.

 

 

Am Sonntag unternahm Richard Perkins schließlich eine informelle Tour durch vier der Betriebe der solidarischen Landwirtschaft in Luxemburg. Das hieraus entstandene YouTube-Video, „Four farm tours in 1.5 hours„, bietet lebensnahe Einblicke in die Welt der Pioniere – ein gelungener Abschluss eines vielseitigen Programms, das viele Impulse lieferte und die Bedeutung der Wertschätzung, Unterstützung und Ausbildung angehender und interessierter LandwirtInnen unterstrich.

Interessante Links im Zusammenhang mit der Veranstaltung:

www.ridgedalepermaculture.com

www.richardperkins.co

www.savory.global

www.solawi.lu