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Solidarität zwischen den Betrieben der Solidarischen Landwirtschaft

Solidarität zwischen Konsumenten/Konsumentinnen und ihren Nahrungsmittelerzeuger*innen innerhalb eines Betriebes der Solidarischen Landwirtschaft erscheint allen fast als selbstverständlich. Dass die Solidarität aber auch über den einzelnen Betrieb und seine Gemeinschaft hinausgehen kann, zeigt ein Beispiel aus dem Monat Juni. Vertreter*innen, sowohl Gründer*innen wie auch Auszubildende der Betriebe der solidarischen Landwirtschaft und Interessierte treffen sich in der Regel monatlich in einem der Betriebe zum Austausch. Dabei besprechen sie gemeinsame Aktionen, tauschen sich über relevante Themen, Neuigkeiten aus den Betrieben und technische und politische Aspekte ihrer Arbeit aus. Es bleibt Zeit für Erzählungen aus dem Alltag der Betriebe, aber auch Hürden und mögliche Lösungswege werden besprochen. Zusätzlich bietet jedes Treffen die Möglichkeit einen Rundgang über den jeweiligen Betrieb zu machen und über das Gesehene in Austausch zu treten.

Im Monat Juni traf sich die Gruppe im Betrieb „Vum Gréis“, der von Yves Diederich Ende 2018 auf einem Familiengrundstück im Roeserbann gegründet wurde. Zusammen mit einer Teilzeitkraft startete er im Jahr 2019 mit 70 Familien, die Gemüse von ihm bezogen. Heute arbeitet er zusammen mit 2 Teilzeit-Arbeitskräften, einem Auszubildenden und Mitgliedern, die in ihrer Freizeit Hand im Gemüsegarten anlegen wollen. Der Betrieb versorgt in etwa 110 Familien wöchentlich auf 0,45 ha mit frischem Gemüse und Kräutern, zusätzlich dazu werden auf weiterer Fläche Eier aus mobiler Freilandhaltung für die Mitglieder zum Zukauf erzeugt.

Im gemeinsamen Treffen schilderte der Betriebsleiter, dass die ersten Jahre des Aufbaus an ihm gezehrt haben und es Phasen gäbe, in denen er sich überfordert und niedergeschlagen fühle. So schön und belohnend der Beruf des Landwirten auch sein kann, einen landwirtschaftlichen Betrieb von Grund auf aufzubauen beinhaltet sehr viele Aufgaben- und Verantwortungsbereiche: Nötige administrativen Schritte ausführen, die Infrastruktur planen, besorgen und aufbauen und die damit verbundenen Genehmigungen beantragen, ein gutes Marketing und Design erarbeiten, die Kommunikation mit den Mitgliedern garantieren, die Anbauplanung gestalten und ausführen, die Kulturen beobachten, alle anstehenden Pflegearbeiten durchführen und die Ernte planen und effizient umsetzen, ein Team leiten, ausbilden und Arbeitsabläufe sinnvoll strukturieren, mit Herausforderungen und Unvorhersehbarem umgehen, Tiere versorgen und dabei auch noch den finanziellen Überblick behalten. Das alles sind nur einige der unzähligen Aufgaben, die erfüllt sein müssen, damit ein Betrieb gut funktioniert. Die Verantwortung für all diese Bereiche fast alleine zu tragen, kann nachvollziehbar kräftezehrend und herausfordernd sein.

Die Solawi-Gruppe hatte Yves vorgeschlagen, in der kommenden Woche mit Arbeitskraft zu ihm in den Betrieb zu kommen und ihm unter die Arme zu greifen, damit ein Teil des Rückstands wieder aufgeholt werden könne. Gesagt, getan: Am darauffolgenden Montag kamen im Laufe des Tages über 15 Gärtner*innen aus den verschiedenen Solawi-Betrieben zur Unterstützung in den Garten und alle packten kräftig an, motiviert, die Flächen von Unkraut zu befreien. Es herrschte eine gute Stimmung und die Situation ermöglichte einen Austausch zwischen allen Beteiligten, die sich nur selten sehen und zudem ging die Arbeit im Garten voran. Genauso wichtig es war, dass die Unkräuter sich nicht übermäßig aussäen konnten und die Kulturen wieder frei wachsen konnten. Genauso wichtig war auch die Botschaft, die mit dieser Aktion transportiert wurde, nämlich dass Yves nicht alleine dasteht, dass es einen Wunsch in der Gruppe gibt, sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Zusätzlich gibt es ein großes Verständnis für Yves‘ Situation. Wahrscheinlich jeder, der einen Betrieb übernimmt oder neu aufbaut, kennt diese Momente der Überforderung. Selbst nach Jahren der Erfahrung kann es noch dazu kommen und es sollte kein Tabu sein, darüber zu reden und gegebenenfalls um Hilfe zu bitten. Ganz im Gegenteil ist es wichtig, auch diesen Teil der Landwirtschaft hervorzuheben und auch hier nochmal bewusst zu machen, wieso Solidarität ein so wichtiger Begriff ist wenn wir von nachhaltiger Landwirtschaft sprechen, auch auf die körperliche, emotionale und psychische Gesundheit der Bauern und Bäuerinnen bezogen. Auch wenn diese Aktion nur einen kleinen Einfluss auf die Situation von Yves hatte und er weiterhin die Verantwortung in allen Bereichen für den Betrieb tragen muss, so kann sie ihn vielleicht ein wenig aus einem Tief herausheben und ihm die Kraft geben weiterzumachen, um nach einer nachhaltigen Lösung für die Situation zu suchen. Eine gute Lösung wäre eine zusätzliche Arbeitskraft, allerdings sind damit in Luxemburg sehr hohe Kosten verbunden, die sich ein junger Betrieb in den ersten Jahren oft nicht leisten kann, wobei es gerade in dieser Zeit am Bedeutendsten wäre. Betrachtet man die Situation aus der Vogelperspektive ist Yves aber auch stellvertretend ein Beispiel dafür, dass man den legislativen Rahmen nicht außer Acht lassen kann. Das Gesetz sieht ein Minimum an Anbaufläche vor als Bedingung, dass ein Betrieb den Vollerwerbsstatus erreichen kann. Die angegebene Mindestgröße ist allerdings nicht an diese Form der Bewirtschaftung angepasst, bei der fast gänzlich in intensiver Handarbeit auf kleinster Fläche eine hohe Produktivität erreicht wird. Diese vorgeschriebene Mindestgröße zu erreichen kann einen großen Arbeitsdruck bedeuten. Hier fordert die Solawi-Gruppe bereits seit geraumer Zeit immer noch eine Anpassung der Gesetzgebung,be die auch für alternative landwirtschaftliche Betriebsformen gute Startbedingungen schafft und endlich deren Anerkennung garantiert.